Zum Inhalt springen Zum Navigationsmenü springen

Jahresthema Gesundheit

gesund_01a.jpg

Gesundheit ist ein wichtiges Gut und Teil der frühkindlichen Erziehung. Deshalb haben wir uns für dieses Jahresthema entschieden und den Begriff Gesundheit auf vier große Bereiche ausgedehnt: Bewegung, Entspannung, Raumgestaltung und Ernährung. Diese Schwerpunkte bilden im Kontext Gesundheit die Eckpfeiler für die Arbeit im Kindergarten.

Kinder lieben es, sich zu bewegen und eigene Erfahrungen zu machen, weil die Evolution ihnen diesen Drang mitgegeben hat. Gleichzeitig brauchen sie eine sichere Basis, zu der sie immer zurückkehren können: ihre Eltern, aber auch ihre Erzieherinnen und Erzieher. Diesen Ansatz propagiert auch der Kinderarzt und Autor Dr. Herbert Renz-Polster. Im Interview geht er genauer auf die Essensvorlieben und den Bewegungsdrang von Kindern ein … und was das für die pädagogische Arbeit bedeutet. Er kommentiert außerdem die aktuellen Ansätze der Elementarpädagogik. Dr. Renz-Polster plädiert dafür, Kindern die Möglichkeit zu geben, innere Stärke, Widerstandskraft, soziale Kompetenz und Selbstsicherheit zu entwickeln. Gelungene Elementarpädagogik zeigt sich für ihn in leuchtenden Kinderaugen und darin, dass das Kind für sich und die Gruppe einstehen kann. Wir möchten uns diesen Aussagen anschließen und dazu anregen, den Kindergarten als Platz zum Kind-Sein zu gestalten. Dafür braucht es etwas Energie und gute Ideen! In unserem Themenheft Gesundheit finden Sie interessante Interviews, diverse Expertentipps aus der Praxis und viele bewährte Produkte … all das bietet Ihnen Impulse und Anregungen für Ihre tägliche Arbeit mit Kindern. Themenheft bestellen oder herunterladen: » zum Themenheft

 

 

Interview: Born to be wild

gesund_02.jpg
Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor. Er interessiert sich insbesondere für die evolutionsbiologischen Wurzeln der kindlichen Entwicklung. Seine Hauptthese: Die Vergangenheit prägt noch heute das Verhalten unserer Kinder … und zwar in stärkerem Maße, als es vielen Eltern oder Erzieherinnen und Erziehern bewusst ist.

Herr Renz-Polster, Sie kennen das bestimmt: Eltern wünschen sich Babys, die durchschlafen, Kleinkinder, die Gemüse lieben, und Grundschüler, die einige Stunden konzentriert sitzen. Die Realität sieht anders aus.
Ja, viele Verhaltensweisen von Kindern scheinen nicht in die heutige Zeit zu passen. Aber wir sollten uns eines bewusst machen: Kinder bringen die Dinge mit, die ihnen im Lauf der Menschheitsgeschichte geholfen haben, zu fitten Erwachsenen zu werden. Nehmen Sie zum Beispiel die weit verbreitete kindliche Skepsis gegenüber grünem Gemüse.

Wollen Sie andeuten, dass die Abneigung gegen Gemüse angeboren ist?
Babys haben meist kein Problem, Gemüse zu essen. Aber im Laufe des zweiten Lebensjahrs ändert sich das. Wenn Kinder zu laufen beginnen, wird eine Art Schutzschild aktiviert, der früher verhindert hat, dass sie sich auf ihren Streifzügen mit falschem Essen vergiften konnten. Statt Neues munter auszuprobieren, entwickeln sie jetzt eine regelrechte Angst vor unbekannter Nahrung, sie wollen erstmal nur gucken. Und dann haben sie eine extreme Abneigung gegen Bitteres. Das liegt darin begründet, dass giftige Pflanzen oft bitter sind. Also verweigern viele Kinder die meisten Gemüsesorten. Der Respekt vor unbekannter Nahrung bleibt uns übrigens erhalten. Wenn wir Erwachsenen fremdes Essen testen, dann gehen wir schrittweise vor: Erst riechen wir daran, dann prüfen wir, wie es sich anfühlt und probieren anschließend einen kleinen Bissen. Kinder gehen genauso vor – nur langsamer. Und sie beobachten sehr genau, wie sich die Erwachsenen um sie herum verhalten. Sie checken die Emotionen und schauen vor allem sehr genau ins Gesicht: Tut der Brokkoli meiner Oma wirklich gut?

Was ist Ihr Tipp für den Umgang mit schwierigen Essern?
Ich rate zu Gelassenheit, denn dieses Programm hat ein automatisches Verfallsdatum. Zwang ist eine Lernbremse. Kinder sind in ihrer Entwicklung keinen Millimeter weiter, wenn sie etwas machen, nur weil wir es wollen. Erst wenn sie es selbst wollen, dann sind sie innerlich reifer. Ich empfehle Kinder ins Kochen einzubeziehen – zu Hause und im Kindergarten. Wenn Kinder mit Freunden essen können und erleben, was man aus unterschiedlichen Obst- und Gemüsesorten machen kann, entwickeln sie automatisch ein anderes Verhältnis zum Essen.

Neben einem gelassenen Umgang mit Essgewohnheiten plädieren Sie dafür, dem natürlichen Bewegungs- und Spieltrieb von Kindern Raum zu geben.
Kinder sind von innen heraus zu Bewegung motiviert. Ihr Muster: bewegen – bleiben und beobachten – spielen – weiterbewegen. Immer die gleiche Bewegungsintensität, wie beim Spazierengehen, das ist kein Kinderding. Da gibt es viel zu wenig zu spielen! Aber der Spieltrieb, das ist der Entwicklungstrieb von Kindern. Sie suchen sich dabei immer die Herausforderungen, die sie gerade so bewältigen können. Sie wollen also gefordert, aber nicht unter- oder überfordert sein. Da ist immer Angst und Lust mit dabei, in der gerade richtigen Mischung, das ist die Kribbelzone der Kinder! Kinder wollen stark werden, sie wollen ihren Körper in Besitz nehmen und ihre Eigenkräfte spüren. Eltern, Erzieherinnen und Erzieher können beobachten, wie sich die Kribbelzone mit den Erfahrungen, die jedes Kind für sich macht, verschiebt. Wenn es die Möglichkeit hat, sich selbst zu beweisen, traut es sich immer mehr zu.

Die Ansätze in der Elementarpädagogik haben sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder gewandelt. Aktuell steht die kognitive Entwicklung und frühe Bildung im Mittelpunkt. In welche Richtung sollte es Ihrer Meinung nach weitergehen?
Unser Bildungsstandard sollte nicht nur die kognitive Entwicklung sein, Menschen sind ja nicht nur ein Gehirn mit Anhang! Gelungene Elementarpädagogik zeigt sich für mich in leuchtenden Kinderaugen und darin, dass das Kind für sich und auch für die Gruppe einstehen kann. Ich finde wichtig, Kinder zu befähigen, ihren Weg zu gehen. Ein solides Persönlichkeitsfundament ist die Basis, auf der sie als Erwachsene dann ihr Haus bauen können. Wir haben keine Ahnung von der Zukunft, die Arbeitsfelder sind ungewiss, darauf können wir sie nicht vorbereiten – wir können Kindern aber helfen, innere Stärke, Widerstandskraft, soziale Kompetenz und Selbstsicherheit zu entwickeln. Das ist es, auf was sie in einer ungewissen Zukunft bauen können. Noch kein Kind ist daran gescheitert, dass es den Zahlenraum nicht früh genug erweitert hat, aber an Ängsten, an mangelnder Neugier, an fehlender Begeisterung und fehlendem Mut, daran können Menschen scheitern.

Wie können Erzieherinnen und Erzieher Kinder bei diesem wichtigen Schritt in ihrer Entwicklung unterstützen?
Ich glaube ganz fest, dass das Wertvollste für ein Kind die Gewissheit ist, dass unter seinem Hochseil ein Sicherheitsnetz ist. Wir sollten jedes Kind für sich ernst nehmen und ihm vermitteln, dass es als Mensch in Ordnung ist. Das ist die Basis unseres Lebens: Dass wir wissen, wir sind in unserem Kern okay. Wir müssen uns für uns nicht schämen – was für eine Ressource für das ganze Leben! Die entsteht nicht, indem wir die Kinder auf Schritt und Tritt messen, bewerten, auf Ziele zurichten, sie als Förderprojekte oder Leistungsträger sehen. Sondern als Menschen, die uns etwas bedeuten, genau so, wie sie sind. Dafür ist unsere Präsenz am wichtigsten, damit will ich sagen: Dass wir uns wirklich auf das Kind einlassen können – und da kommen wir selbst ins Spiel. Dass es uns gut geht und wir selbst uns wertvoll fühlen. Kinder suchen auch in den Einrichtungen eine Beziehungsheimat. In ihr finden sie das, was sie für ihr Lernen, ihre Entwicklung brauchen. Einerseits emotionale Sicherheit: „Hier bin ich nicht allein, wenn ich in Not bin!“ Andererseits aber auch die Möglichkeit, selbstwirksam zu sein, sich zu bewähren und selbst zu gestalten: „Hier kann ich die Dinge anpacken, die mir unter den Nägeln brennen!“ Das sind zwei Seiten einer Münze, die sich immer von einer auf die andere Seite dreht: Bindung und Freiheit. Das eine ist ohne das andere nicht möglich. Und beides treibt die Entwicklung des Kindes an. Diesen ständigen Wechsel in seiner ganzen Spannung am Laufen zu halten, ist in meinen Augen die Hauptaufgabe von Erzieherinnen und Erziehern. Dafür sollten diese auch auf sich selbst achten, denn wenn es ihnen gut geht, geht es den Kindern auch gut. In einem solchen Rahmen finden Kinder das, was die menschliche Entwicklung letzten Endes antreibt: die Sicherheit und die Freiheit, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Begleiten wir sie auf einem wichtigen Teil dieses Wegs!

Vielen Dank für das Interview.

Mehr zu Dr. Herbert Renz-Polster: » kinder-verstehen.de

War dieser Beitrag hilfreich?
2 von 4 fanden dies hilfreich
Haben Sie Fragen? Anfrage einreichen