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Medienerziehung für Kinder – ein wichtiger Baustein in der Pädagogik

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Interview mit Prof. Dr. mult. Wassilios Fthenakis

 

Sie befürworten, dass sich bereits Kindergartenkinder mit digitalen Geräten beschäftigen, sind also für digitale Bildung im Kindergarten. Warum?

Kinder kommen mit Medien und digitalen Angeboten früh in Berührung, vor allem in den Familien. Eltern hantieren mit Smart-Geräten und Tablets, telefonieren und kommunizieren mit Handys, der Haushalt ist hoch technologisch ausgestattet. Kinder wachsen also in einer Kultur der neuen Technologien und deren Anwendung auf. Studien aus der letzten Zeit zeigen, dass auch Kleinstkinder diese Geräte nutzen, sich für sie interessieren und eine erhebliche Zeit damit verbringen, mit ihnen zu spielen und nach Lernangeboten zu suchen. Diese Studien bestätigen auch, dass Kinder im zweiten Lebensjahr die Internetkultur ihrer Eltern bereits internalisiert haben. Wenn sie in den Kindergarten eintreten, sind sie kleine Technologie-Experten. Darauf muss pädagogisch reagiert und Kinder müssen befähigt werden, früh zu lernen, entwicklungsangemessen, fachlich begründet und so mit neuen Technologien umzugehen, dass sie in ihrer digitalen Kompetenz gestärkt werden. Denn diese entwickelt sich früh im vorschulischen Alter.

 

Welche Aspekte der Medienbildung stehen für Sie ganz konkret im Mittelpunkt?

Medienbildung im vorschulischen Alter darf nicht nur auf neue Technologien reduziert werden. Auch Bilderbücher zählen aus meiner Sicht dazu und vieles mehr. Im Rahmen des von der Deutsche Telekom Stiftung finanzierten und an der Universität Bremen durchgeführten Projektes „Natur-Wissen schaffen“ hat sich ein Team, unter meiner Leitung, mit der Konzeptualisierung von Medienkompetenz befasst und ein vierdimensionales Modell vorgestellt:

(A) Kinder entdecken in ihrem Alltag Medien und sie lernen, sie zu bedienen (wie z. B. einen CD-Spieler, einen PC, ein Smartphone, ein Tablet).

(B) Sie lernen, Medien für ihre eigenen Anliegen zu nutzen und in sozialen Austausch mit anderen Kindern und Erwachsenen zu treten, und nicht zuletzt auch, Informationen zu erhalten und Fragen an andere Personen zu richten. Medien können genutzt werden, um sich zu unterhalten, zu entspannen (Hörspiele, Music-CDs etc.) und für ästhetisches Erleben.

(C) Dabei können Kinder, oft in Dialog mit der pädagogischen Fachkraft, diese Nutzungsmöglichkeiten verarbeiten und den eigenen Umgang mit solchen Medien und neueren Technologien (z. B. medienbezogene Ängste) reflektieren.

(D) Auf diese Weise lernen sie, dass Medien von Menschen gestaltet werden und dies mit bestimmten Absichten (z. B. für Werbungszwecke) getan wird. Diese Lernprozesse werden ko-konstruktiv organisiert und im Dialog mit der pädagogischen Fachkraft und anderen Kindern entwickeln sie ihre Medienkompetenz. Und sie lernen darüber hinaus, Medien sinnvoll, produktiv und kreativ in den eigenen Lernprozess einzubeziehen.

 

Welche Vorteile hat es für Kinder, wenn sie Medienkompetenz erlangen?

Folgt man den Ergebnissen neuerer Studien, so kann der Lernprozess durch den Einsatz neuerer Technologien eine enorme Erweiterung und Vertiefung erfahren. Es ist allgemein anerkannt, dass Kinder im frühen Alter mit all ihren Sinnen lernen, um die Welt zu begreifen. Neue Technologien bieten eine weitere Möglichkeit: Lerninhalte zu nutzen, die über die kindlichen Sinnesorgane nicht zugänglich sind, weil sie zu weit entfernt, unsichtbar oder risikobehaftet sind.

Heute haben wir die Aufgabe, Kinder auf eine sich tiefgreifend wandelnde Welt vorzubereiten. Wenn die Kindergartenkinder von heute in die Arbeitswelt eintreten, wird es etwa 70% der heutigen Berufe nicht mehr geben. Bereits heute und in der Zukunft noch mehr spielen neue Technologien im Beruf und im Alltag des Menschen eine zentrale Rolle. Der kompetente Umgang mit diesen ist Voraussetzung dafür, damit die Kinder an der Gesellschaft teilhaben, diese mitgestalten und mitverantworten können.

Schließlich liegt empirische Evidenz dafür vor, dass ein sinnvoller Einsatz neuer Technologien mit konkreten Effekten, betreffend die kindliche Entwicklung und das kindliche Lernen, einhergehen kann: Kinder haben einen besseren Zugang zu Kenntnissen. Sie lernen, mit Technologien produktiv und kreativ umzugehen. Zudem werden das selbstgesteuerte wie auch das kooperative Lernen gestärkt. Kindliche Kompetenzen, wie Autonomie, Selbstregulation, Kommunikationskompetenz, Kreativität und problemlösendes Verhalten, können mittels neuer Technologien früh gefördert werden.

 

Was ist bei der Umsetzung in pädagogischen Einrichtungen zu beachten?

Technologien sind per se weder gut noch schlecht. Es kommt darauf an, wie man mit ihnen umgeht, wie man sie einsetzt. Die erwähnten Effekte sind an bestimmten Rahmenbedingungen gebunden, von denen vier an Bedeutung gewinnen:

(1) Die Einrichtung muss über eine funktionierende und gut gewartete Infrastruktur verfügen. Dies stellt, infolge der rasanten Entwicklung und Änderung der Technologien, eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar.

(2) Die Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte, damit sie befähigt werden, analoge mit virtuellen Angeboten zu verbinden, ist eine weitere Rahmenbedingung. Viele Fachkräfte begegnen digitalen Lernangeboten immer noch mit Vorbehalten. Sie benötigen fachliche Unterstützung, vor allem in Form von Prototypen, wie diese konkret in der Alltagspraxis eingesetzt werden können.

(3) Von grundsätzlicher Bedeutung ist das pädagogische Konzept: Die verfügbaren Bildungspläne der Länder bleiben bislang dem analogen Paradigma verpflichtet. Sie bieten kaum einen geeigneten Rahmen für digitale Angebote, ganz zu schweigen von der Stärkung der digitalen Kompetenz als transversale Kompetenz.

(4) In allen Bildungsbereichen ist eine enge, auf Bildungspartnerschaft begründete, Kooperation zwischen Familie und Bildungseinrichtung erforderlich. Für die Stärkung digitaler Kompetenz ist diese Bildungspartnerschaft besonders wichtig, weil sich viele Eltern unsicher fühlen und Orientierung benötigen.

 

Wie sollten Kindergärten und Kitas das Thema angehen?

Einer Herausforderung von dieser Komplexität kann nicht mit einfachen und schnellen Lösungen begegnet werden. Ich möchte deshalb einige andeuten:

(1) Die Fachkräfte benötigen ein Konzept, das ihnen hilft zu verstehen, wie Medien- bzw. digitale Kompetenz konkretisiert wird und wie man sie in der Praxis stärkt. Mit der Veröffentlichung „Frühe Medienbildung“ liegt ein solches Konzept vor.

(2) Fachkräfte benötigen selbst ihre eigene Orientierung und Positionierung. Hier hat der Didacta-Verband ein Dokument erarbeitet, das erste Hilfe bietet: „Digitale Technik und interaktive Medien als Ressourcen in frühkindlichen Bildungseinrichtungen, Band 3“ (freier Download).

(3) Die Digitalisierung der Einrichtung selbst ist ein weiterer Schritt, um gleichzeitig die Fachkräfte einzuladen, dabei eine aktive Rolle zu spielen und die damit verknüpften Vorteile zu erkennen, wie z.B. die Erfassung der Buchungszeit, die Dokumentation der individuellen kindlichen Lernprozesse, die Kommunikation zwischen den Fachkräften und den Eltern und vieles mehr.

(4) Von grundsätzlicher Bedeutung werden Materialien sein, die konkret in der Praxis Anwendung finden und zeigen, wie die pädagogische Fachkraft damit umgehen und den Bildungsprozess mit Gewinn für die Kinder gestalten kann. Hier hat man bereits begonnen und es gilt, diese Entwicklung zu stärken und deren Einbeziehung in die frühpädagogische Praxis zu unterstützen.

(5) Nicht zuletzt ist die Einbeziehung des gegenwärtigen Forschungsstandes in die Aus- und Fortbildung unverzichtbar. Einen Zugang hierzu bietet die Publikation „Der Einsatz neuer Technologien in der frühen Bildung – Band 1“ (freier Downolad). Es liegt eine spannende Phase vor uns, die vieles im Praxisalltag verändern wird.

 

Wie können Grundschulen, Horte und Nachmittagsbetreuungen digitale Bildung umsetzen?

Der Umsetzungsprozess impliziert zunächst, dass die Bildungspläne, die Curricula, in allen Bildungsstufen reformiert werden. Ich habe darauf hingewiesen, dass die Bildungspläne im vorschulischen Bereich diese Arbeit noch nicht geleistet haben, das gilt auch für die weiteren Bildungsstufen. Die digitale Kompetenz muss als Querschnittskompetenz ihre Einbettung in die Bildungspläne finden.

Parallel dazu ist ein Qualifizierungsprogramm erforderlich, das die Fachkräfte in die Lage versetzt, solche Bildungsziele zu erreichen. Hier sind vernetzte Lernplattformen und Peer-to-Peer-Ansätze hilfreich. Und schließlich werden viele Beispiele notwendig sein, damit Sicherheit für einen kompetenten Umgang mit Technologien gewonnen werden kann.

Wir müssen uns im Klaren sein, dass dieser Transformationsprozess das Bildungssystem, die pädagogischen Fachkräfte und nicht zuletzt die Kinder massiv herausfordern und Zeit benötigen wird.

 

Was ist Ihr ganz persönlicher Wunsch für die Zukunft des Bildungssystems in Deutschland?

Es ist von essenzieller Bedeutung, dass wir das Bildungssystem modernisieren und für die digitale Ära stark machen. Davon sind wir gegenwärtig weit entfernt. Der Modernisierungsprozess umfasst alle Aspekte des bisherigen Bildungssystems: seine theoretische Fundierung, die Bildungsziele, die Grundsätze und Prinzipien pädagogischen Handelns, das Bildungsverständnis, den didaktisch methodischen Ansatz, den Entwurf geeigneter, neuer Lernräume, die neu konzeptualisierte Lernprozesse unterstützen.

Es wird ein Bildungssystem sein, das in all seinen Facetten neue Technologien stark integriert, dem Lernenden mehr Autonomie und Selbstverantwortung einräumt, mit den Dimensionen Raum und Zeit anders als bisher umgeht und die Organisation der Bildungsprozesse mit Hilfe vernetzter Lernplattformen gestaltet. Es wird ein Bildungssystem sein, das viele kognitive Leistungen des Kindes auf technologische Endgeräte verlagern wird.

Im künftigen Bildungssystem wird Wissen ohne direkte Beteiligung von Individuen generiert werden können und Technologien werden stark die Organisation von Bildungsprozessen mitgestalten und mitverantworten – mehr als wir uns heute vorstellen können.

Was ich mir vom künftigen Bildungssystem wünsche, ist die Stärkung interaktiver Prozesse. Es müssen die Kompetenzen gestärkt werden, die bereits heute und in der Zukunft noch mehr über das Wohlbefinden und den Erfolg im Leben wie im Beruf entscheiden werden: Empathie, meta-emotionale, problemlösende, soziale Kompetenz, Verständnis und Wertschätzung von Diversität und die Bereitschaft, Verantwortung für sich, für Andere und für die Natur zu übernehmen, um nur einige zu nennen. Das Bildungssystem wird in der Zukunft mehr denn je daran arbeiten müssen, verantwortungsbewusste, engagierte und wertorientiert handelnde Weltbürger vorzubereiten.

 

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